Food for Thought
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Die neue Rubrik wird eingeweiht mit vielen kurzen Beiträgen zum Thema "existenzielle Psychologie" - eine Wortneuschöpfung meinerseits. Ich brauchte einen Überbegriff fr die von mir behandelten Themen, die von "Einführung in die Logotherapie und Existenzanalyse" bis "philosophisch-psychologischen Grundsatzthemen" reichte.Die Beiträge sind alphabethisch sortiert und untereinander verlinkt, erinnern also an ein Glossar. Sie möchten aber nur eine subjektive Meinung ausdrücken und beanspruchen bestimmt keinen Wahrheitswert.

K     Kompetenz, Konflikt, Krankheit

17/9/2025

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Kompetenz: Dämliche Rückübersetzung aus dem Englischen, das deutsche Wort aus der Psychologie des 18. Jahrhunderts lautet Vermögen. Zugegeben, auch nicht viel besser. Von dem zuvor verwendeten Begriff "Kraft" hatte man sich verabschiedet, weil der nur für naturwissenschaftliche Phänomene gelten sollte, die immer vorhanden sind und immer wirken, z.B. die Erdanziehungskraft. Dass es den Kraftbegriff in der heutigen modernen Physik gar nicht mehr gibt, hat leider nicht dazu geführt, dass man ihn in der Psychologie wieder einführt. Dabei ist es doch unübersehbar, dass es psychisch-mentale Kräfte gibt (Mut, Urteilskraft, etc.) und dass das ewige Gerede von Kompetenzen, also potentiell angelegten Leistungen oder Leistungsvermögen, keine kraftvolle Darstellung der Wirklichkeit, sondern pseudokompetentes Sich-einen-klugen-Anschein-geben ist. 

Konflikt: Unangenehm und unausweichlich. Man steht mit sich selbst im Konflikt oder mit anderen oder irgendwelchen Lebensbedingungen. Das Leben hat das so eingerichtet und es behauptet, ohne eine Spannung zwischen zwei Polen oder einer Ist-Soll- Differenz würde es gar kein Leben geben. Es ist aber anzunehmen, dass Amöben zwar auch Ist-Soll-Spannungen kennen, sich dies aber nicht bis zu einem Konflikt steigert, weil der Einzeller sich nicht entscheiden kann, in welche Richtung er fließen möchte. Dieses Problem haben dann erst die Vielzeller, in denen das eine Organ sich mit dem anderen Organ abstimmen muss. Und es ist auch anzunehmen, dass Menschen es noch mal schwieriger haben als Tiere, aufgrund ihres komplexen Innenlebens, das sowohl mit sich selbst Konflikte haben kann, als auch mit der Außenwelt. Allein schon das menschliche Zeitbewusstsein eröffnet ganz neue Dilemmata (die Katzen und Hunde nicht zu haben scheinen), dazu noch das Leben in einer Gruppe.
Wichtiger jedoch als zu wissen, woher die Konflikte des Menschen stammen, ist die Frage nach dem wohin: Konflikte können produktiv sein und zur Entwicklung und Reifung beitragen oder unproduktiv bleiben.

Krankheit: Teil des Lebens, entweder angeboren oder erworben, durch andere Lebewesen oder toxisch-noxische Lebensumstände. Der (moderne) Mensch leidet fünffach häufiger als andere Lebewesen darunter. Als Vielzeller ist nicht gleich der gesamte Organismus betroffen, was zu mehr Krankheiten, aber selteneren Todesfällen führen dürfte als bei Einzellern. Durch Viehzucht holt sich der Mensch Zoonosen (Masern, Pocken, Pest, etc.). Mit dem globalen Handel treffen regionale Krankheiten auf nicht angepasste Immunsysteme (Syphilis). Aufgrund der Industrialisierung gibt es mehr Umweltgifte. Und schließlich ist der heutige Lebenswandel selbst ungesund - zu wenig Bewegung, falsche Ernährung und zu wenig Ruhezeiten.
Auch bei psychischen Krankheiten dürften Menschen stärker als andere Lebewesen betroffen sein – viele Lebewesen verfügen nicht über psychische Strukturen, die dysfunktional werden können. Ob Menschen angesichts dieser höheren Krankheitsanfälligkeit mit einer - praktisch ständig gesunden - Amöbe tauschen wollen würden, ist aber fraglich.
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L     Lebendig sein, Leiden

15/9/2025

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Lebendig sein: 1. Im weiten Sinne: Gegenteil von tot sein. Kann sich sehr unterschiedlich anfühlen, mal besser mal schlechter. 2. Im engeren Sinne: mehr als nur am Leben sein. Die westliche Zivilisation ermöglicht zwar ein längeres am Leben sein, verringert aber offensichtlich ein Lebendig sein, was Statistiken über Erschöpfungsgefühle, Burnout und Depressionen deutlich zeigen. Dass der Weg hin zum Lebendiger sein darin besteht, weniger zu tun, scheinen viele Menschen nicht zu verstehen. Zu kontraintuitiv, zu paradox. Die Grundmaxime des Kapitalismus heißt ja schließlich auch immer mehr, wieso sollte das nicht auch beim Lebendiger sein funktionieren? Es ist jedoch so, dass das menschliche Wahrnehmungs- und Nervensystem Zeiten der Ruhe und Besinnlichkeit braucht. Sowohl zur Erholung als auch um klügere Entscheidungen treffen zu können – um die aktive Zeit nicht zu verschwenden, sondern subjektiv Sinnvollem zu widmen.

Leiden: 1. Ein notwendiges Phänomen, durch das die Leibseelegeist-Einheit Mensch über ein zu viel (Hitzeschlag, Überdruss), ein zu wenig (Hunger, Sehnsucht) oder ein Hin- und Hergerissensein (Konflikt) informiert wird. 2. Ein unnötiges Phänomen, bei dem der Mensch Dinge ablehnt, die er gar nicht ablehnen kann, weil er keine Macht über sie besitzt. Weil er letzteres aber nicht einsieht und schon gar nicht sich unterwerfen will, muss er leiden. 3. Eine Mischung aus erstens und zweitens.
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M     Methode, Mut

13/9/2025

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Methode: Der griechische Wortursprung bedeutet Weg. Und obwohl heutzutage Innovation so etwas wichtiges sein soll, gilt das nicht für die Methode in Beratung und Therapie. Der Weg soll möglichst nicht neu oder einmalig sein, nein, er soll breit ausgetreten sein, für jeden jederzeit gangbar, deshalb deutlich und in einzelnen Schritten beschrieben. Ist er das nicht, droht Unwissenschaftlichkeit. Vorgeschriebene Wege sind leider großer Blödsinn und behindern eine therapeutische Hilfestellung. Individuelle Wege, am besten solche, die erst beim Gehen entstehen, können zu guten Ergebnissen führen. Was ist das für eine seltsame (Pseudo)-Gesundheitswissenschaft, die sich fast ausschließlich in den Dienst der Qualitätskontrolle stellt, ohne zu merken, wie sie dabei Qualität verhindert?

Mut: Energiebereitstellung des Gemüts. Auf die Energiequelle hat der Mensch keinen direkten Zugriff. Tagsüber ist er häufig mutiger als nachts, mit anderen mutiger als alleine, vor allem aber ist er mutig, wenn es ihm um etwas Bedeutsames geht.
Es gibt viele schöne Wörter mit Mut, die aus dem aktuellen Wortschatz zu verschwinden drohen, deshalb seien sie hier erwähnt: Unmut, Anmut, Edelmut, Wagemut, Demut, Freimut, Frohmut, Großmut, Langmut, Hochmut und die Anmutung. Wo sind diese Zustände alle nur hinverschwunden, dass man diese Wörter nicht mehr braucht? Nur Armut, das gibt es heute noch. Wohl auch als Gemütsarmut.
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N     Nein sagen, Neurotisch

13/9/2025

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Nein sagen: Offensichtlich das Gegenteil von Ja sagen. Und genauso wichtig. Sowieso steckt in jedem Ja (mindestens) ein Nein, und in jedem Nein ein Ja. Wer gleichzeitig in beide Richtungen orientiert sein kann, lebt mit einer größeren geistigen Beweglichkeit und in einer vielfältigeren und damit interessanteren Welt. Das Nein kann dann freundlich klingen, weil es auch dafür da ist ein Ja zu unterstützen; das Ja könnte etwas traurig klingen, weil es um die Kosten des einen oder mehrerer Neins weiß. Eine Zumutung ist es so oder so, als Nein oder als Ja, denn es geht nicht ohne Abwägen und Entscheidungen treffen. Und dies letztlich ganz alleine und unterinformiert, z.B. über die Konsequenzen der eigenen Entscheidung in der Zukunft.

Neurotisch: PsychotherapeutInnen haben festgestellt, dass alle Menschen neurotisch sind. Manche sind krankhaft-neurotisch, andere normal-neurotisch. (Na gut, es gibt noch ein paar andere, aber diese leiden dann unter einer Persönlichkeitsstörung oder einer psychotischen Episode.) PsychotherapeutInnen sagen das aber nicht, weil sie selber eine Macke haben, sondern weil zwischen gesund und krank ein fließender Übergang besteht. Eine deutliche Trennlinie zwischen gesund und krank braucht vor allem die Krankenkasse, weil sie mit einem limitierten Budget arbeitet. Keineswegs bedeutet eine psychische Krankheit automatisch, dass man sein Leben nicht auf die Reihe kriegt und schon deshalb auffällt. So schaffen es manche persönlichkeitsgestörten Menschen bekanntermaßen bis zur Präsidentschaft einer Großmacht. Zur Neurose gehören wesentlich Angst und Fehlwahrnehmung der Realität - letzteres ist an diesen Präsidenten gut zu beobachten. Weshalb bilden Verschwörungstheorien keine eigene psychische Krankheitskategorie innerhalb der Angst- oder Persönlichkeitsstörungen?
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O     Optimismus; Österreich

11/9/2025

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Optimismus: Frankl bezeichnete sich selbst als tragischer Optimist. Er meinte damit wohl, dass er die tragischen Seiten des Lebens - Leiden, schuldig werden, sterblich sein - nicht ausblenden konnte und wollte, aber trotzdem zuversichtlich in die Welt schauen konnte. Dies vor allem, weil es Menschen möglich ist, Leiden in Sinnvolles zu transformieren.

Österreich: 1.  Geburtsland von Viktor Frankl, 2.  Geburtsland von Alfried Längle.
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P     Philosophie

11/9/2025

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Philosophie: Aus ihr stammen die Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Die psychologischen Konzepte und Methoden beruhen auf einigen grundsätzlichen Annahmen über den Menschen. Wichtig sind die Richtungen Existenzphilosophie, Phänomenologie und anthropologische Philosophie; gerne zitiert werden Kierkegaard, Nietzsche, Husserl, Heidegger, Scheler, Jaspers. Wer bei dieser Aufzählung Frauen und lebendige Personen vermisst, hat leider völlig Recht. Es gibt aber durchaus eine kleine Gruppe aktueller Philosoph:innen, die sich phänomenologisch mit Gefühlen und psychischen Krankheiten beschäftigt - Relevanz hat das für die Logotherapie und Existenzanalyse jedoch (noch) nicht.
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R     Reife; Retter

11/9/2025

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Reife: Erfahrungen machen und daraus lernen. Trotz Jugendwahn und Hang zum Infantilismus in der heutigen Gesellschaft als Adjektiv für die eigene Person beliebt. Wesentlich ist die Fähigkeit, sowohl das Subjektive, allen voran das eigene Erleben, als auch das Objektive, also Faktoren in der Mit- und Umwelt, geschickt kombinieren zu können. Wer es schafft, seine emotionale Betroffenheit mit den äußeren Bedingungen gut abzustimmen, der darf als reif gelten. Dann wird auch in konfliktreichen Situationen oder einem Dilemma kein unnötiges, zusätzliches Leiden produziert. Und wer es schafft, etwas Leidvolles in etwas Gutes zu verwandeln, der darf sich dann weise nennen.

Retter: Weniger bekannt als das Opfer oder der Täter, kann mit den beiden zusammen aber ein ungutes „Drama-System“ bilden. Schwierig kann werden, dass der Retter Arbeit braucht - was macht er nur wenn niemand hilfsbedürftig ist? Verblüffend sind die Beispiele, in denen innerhalb des „Systems“ einfach Rollen getauscht werden: die beteiligten Personen bleiben dieselben, aber der Retter wird vielleicht zum Opfer oder Täter. Gruppendynamik ist selten langweilig. Nur wenn einzelne Verantwortung für ihr Handeln wie für ihre Gefühle übernehmen, wird es langweilig. Weil dann kein Drama mehr.
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S    Schicksal; schlechtes Gewissen; Selbstwert; Sinn

9/9/2025

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Schicksal: Unvorhersehbar. Unabänderlich. Ungerecht. Religionen, der gesunde Menschenverstand und auch die Existenzanalyse raten zu einer Leidensfähigkeit, mit deren Hilfe man das Schicksal ertragen kann und mit ihm umzugehen lernt. Die Moderne hält davon wenig und verspricht Fortschritt und Freiheit (Gestaltungsmöglichkeiten des Individuums); eine Erhöhung der Lebensqualität für möglichst viele Menschen steht dabei an vorderster Front. Solange die Moderne keine Demut gegenüber dem Schicksal kennt, muss der moderne Mensch weiter in diesem Spannungsfeld  von Versprechungen und tatsächlich Gegebenen leben. Vermutlich verhindert die Ideologie der Moderne eine ausreichende Ausbildung der Leidensfähigkeit (aktuell diskutiert unter dem Begriff Überempfindlichkeit).

Schlechtes Gewissen: 1. Innere Stimme, die klopft, oder auch beisst. Will letztlich etwas Gutes für uns tun, auch wenn sie uns dabei weh tut. Sie ist die Stimme der eigenen ethisch-moralischen Richtschnur. Viktor Frankl gibt zu bedenken, dass man nicht sicher sein kann, ob das Gewissen die Wahrheit erfasst habe und rät deswegen zu Demut. 2. Aggressive innere Stimme, die so tut als sei sie das schlechte Gewissen. Statt einer Richtschnur gibt sie strenge Gebote und Verbote und spart in der Regel nicht mit Druck und Verurteilung. Behauptet gerne, sie sei die Wahrheit, ist aber eine Angst. Seit Siegmund Freud bekannt unter dem Namen Über-Ich.

Selbstwert: Wert des Selbst. Die Frage ist, wer oder was ist das Selbst? Wäre es gleichzusetzen mit dem Ich, hieße es genauso gut Ichwert. Das klingt aber zu selbstbezogen. Das Selbst ist also mehr als das Ich, mehr als das Ich bewusst von sich kennt.
Paradox ist die Tatsache, dass je stabiler mein Selbstwert, desto weniger selbstbezogen fühle, denke und handle ich.

Sinn: 1. Im weiteren Sinn: Bedeutung. Kann nur für mich alleine gelten, also subjektiv, oder können andere gut nachvollziehen, dann so etwas wie objektiv, besser intersubjektiv. Interessanter ist es, über Unsinn nachzudenken; hier ist die Bedeutung entweder nicht verständlich oder widersprüchlich, aber ohne Bedeutung ist er nicht. Der menschliche Verstand kann nicht ohne Sinn oder Bedeutung, zur Not konstruiert er ihn - in das Gegebene hinein oder wenn es auch daran mangelt, mit Hilfe der Phantasie.
2. Im engeren Sinn: eine wertvolle Bedeutung. Zur Bedeutung gesellt sich der Wert einer Sache, Person oder Situation. Viktor Frankl lehrt: Der Mensch kann diesen Wert wahrnehmen und genießen, weil der Wert schon da ist oder sich zum Handeln aufgefordert fühlen, weil das Wertvolle erst durch ihn selbst in die Welt gebracht wird und vorher nur ein Potenzial war. In beiden Fällen erlebt der Mensch sein Dasein als sinnvoll. Verfolgt er nur Ziele, fühlt er sich bestenfalls nützlich oder erfolgreich. Sind die Ziele in sich wertvoll, ist das ein praktischer Synergieeffekt.
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S     Sollen; Spannung; Stellungnahme; Strebung

7/9/2025

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Sollen:  In vergangenen Zeiten eigenständiges Verb wie in "Ich soll dir 10 €". Inzwischen herabgestuft zum Hilfsverb. Auch die Bedeutung hat sich abgeschwächt und steht nicht nur für eine Verpflichtung, sondern auch für Aufträge aller Art. Ironischerweise wird dadurch viel mehr gesollt, dabei leben wir doch nach offiziellen Angaben in Zeiten großer individueller Freiheit!
Logotherapie und Existenzanalyse sind vermutlich die einzigen Psychotherapie-Schulen, die sich auf das Terrain des Sollens wagen. Natürlich wird Klienten nicht gesagt, was sie tun sollen, aber es wird angenommen, dass sie selber herausfinden möchte, was sie tun sollen. Ohne Sollen - (bedeutsame) Aufgaben, die auf uns warten - kein erfüllendes Leben.

Spannung: Gegenteil von Schlaffheit (körperlich) oder Langeweile (geistig). Interessantes Phänomen: wenn der Mensch die Wahl hat, wählt er die Spannung. Andererseits sind Entspannung (psychisch) und Spannung zwei entgegengesetzte Pole, zwischen denen der Mensch pendelt, also immer, wenn er das eine hat, das andere will.
Viktor Frankl betont den Unterschied zwischen Körper - der nach einem Ausgleich strebe - und Geist - der eine Spannung anstrebe. So ein Geist finde eine Ist-Soll-Differenz gut, denn dann fühle er sich auf- und angerufen, tätig zu werden, dann sei er in seinem Element und finde das Leben spannend und sinnvoll.
Und was macht die Psyche? Sie hat eine Vermittlerrolle. Wenn man Pech hat, bildet sie schlechte Kompromisse, z.B. auf der Couch vor der Glotze hocken. Der Körper findet keine richtige Ruhe, weil die Sinnesorgane berieselt werden, der Geist hat keine wirkliche Aufgabe, weil er nur zugucken darf. Spannende Frage: ist Lesen und Computerspielen da so anders?

Stellungnahme: Entscheidender Fachbegriff im Menschenbild der Existenzanalyse nach Alfried Längle. Hier trifft der Mensch nämlich eine Entscheidung und reagiert nicht nur. Das Leben fühlt sich dann viel besser an, weil man sein Menschseinpotenzial ausschöpft. Das Reagieren sollte nur dann betrieben werden, wenn es nicht anders möglich ist, z.B. wenn es schnell gehen muss. Die eingenommene Stellung wird sich immer auf etwas Wert- und Bedeutungsvolles beziehen, ob es einem bewusst ist oder im Vorbewussten schlummert. Die Reaktion ist hingegen häufig eine Schutzreaktion in einer bedrohlichen Situation. Wobei - wenn sich der Schutz auf die eigene Psyche oder das eigene Leben bezieht, ja auch Wertvolles auf dem Spiel steht. Aber leider kann die Mit- und Umwelt weniger mitbedacht werden. Als soziale Wesen ist das Reagieren deshalb nicht unsere erste Wahl.

Strebung: Der Körper hat einen Trieb, die Psyche hat ein Bedürfnis und der Geist hat eine Strebung. Oder so: Leibliches treibt, Seelisches bedarf und Geistiges strebt. Trotz dieser Dreiteilung ist der Mensch eine Einheit. In einer Art Persönlichkeitspsychologie hat Alfried Längle vier Grundstrebungen des Menschen erfasst, als er als Arzt und Psychologe mit psychisch kranken Menschen und Menschen auf der Suche nach einem Sinn in ihrem Leben sprach. Sie entsprechen dem grundlegenden Handlungskreislauf zwischen Mensch und Welt, der aus Wahrnehmen, Fühlen, Entscheiden und Handeln besteht.
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T     Technik; Tragische Trias; Traum; Trotz

5/9/2025

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Technik: 1. Komplexes, von Menschen konstruiertes Werkzeug, das ein Eigenleben entwickelt und damit nicht mehr nur ein Mittel zum Zweck ist. Zuerst schwingt es sich zum Herrn auf und lässt sich vom Menschen bedienen. Dann wirkt es auf die Denkgewohnheiten und verführt den Menschen in Maschinenmetaphern zu denken (z. B. Gefühle regulieren), alles nach Nützlichkeit abzuwägen und auf Effizienz zu optimieren. Nebenbei verliert der Mensch handwerkliche Fähigkeiten und die Möglichkeit auf selbst Gemachtes stolz zu sein. Schließlich behauptet es, die Einzige zu sein, die Probleme lösen kann - Probleme allerdings, die die Menschheit ohne die Technik gar nicht hätte. Eine interessante Frage ist, warum Frauen weniger an dieser Art Knechtschaft interessiert sind als Männer.
2. In humanistischer Beratung und Psychotherapie verpönt. Gesprächstechniken werden Verhaltenstherapeuten überlassen und Behandlungstechniken den Psychoanalytikerinnen (Systemiker:innen arbeiten mit "Tools" also Werkzeugen, den einfachen Vorgängern von Technik). Die Anwendung einer Technik degradiert Patientinnen und Klienten zum Objekt, denn Technik ist immer ein Mittel zum Zweck. Menschengerechter ist die Anwendung von Prinzipien, die Raum für das Individuelle lassen, weil sie nur einen ergebnisoffenen Prozess anstoßen. Allerdings zeigen Studien, dass Therapiestunden von Gutachter:innen, die nicht wissen, welcher Schule der Therapeut angehört, nicht korrekt zugeordnet werden können - im Sinne von, hier werden diese Techniken eingesetzt und dort diese Prinzipien entfaltet.

Tragische Trias: Zusammenfassender Ausdruck von Viktor Frankl für Leid, Schuld und Tod, drei Dingen, denen man im Leben nicht entgehen kann. Ein jüdischer Witz veranschaulicht die Sachlage so: "Mit dem Leben ist es wie mit dem Essen in einem Nobelrestaurant. Erst schmeckt das Essen nicht (Leid und Schuld sind zu ertragen), und dann sind die Portionen auch noch so klein (Tod)!" Ob Frankl den Witz kannte, ist leider nicht überliefert. Er blieb jedoch angesichts der tragischen Trias tragischer Optimist. Dies gelingt ihm über eine sinnhafte Gestaltung des eigenen Lebens, gerade angesichts der Herausforderungen des Lebens – unter dem neuen Begriff posttraumatisches Wachstum wird dieses Phänomen aktuell wieder erforscht und diskutiert.

Traum: 1. Phänomen im Wachzustand, das viel häufiger auftritt als allgemein angenommen. Als Teil der Vorstellungskraft kann es dazu dienen, Situationen vorherzusehen und eigene Handlungen zu planen. Genauso gut kann es genutzt werden, um möglichst wenig mit der Wirklichkeit zu tun zu haben und in eine Phantasiewelt zu flüchten. Tagträume können sehr kurz und unwillkürlich, aber auch lange und willkürlich gesteuert sein. Für die Wirksamkeit von Beratung und Therapie ist der Tagtraum von großem Wert, allerdings unter einem anderen Namen: Imagination.
2. Phänomen im Schlafzustand. Zu früheren Zeiten waren Träumende auf eine Art mit der Welt verbunden, die es ihnen erlaubte, nach dem Aufwachen den Traum als Entscheidungshilfe für wichtige Ereignisse zu nehmen. Seit die Naturwissenschaft aufkam, beansprucht sie die alleinige Vorhersagemacht für sich: nur der Berechnung naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten sei bei Vorhersagen zu trauen. Träume werden als Abfallprodukte der Gehirnchemie verunglimpft.
Sigmund Freud rehabilitierte den Traum wenigstens zum Teil: er darf nun wieder eine Bedeutung haben, aber nur für den Träumenden selbst. Der Traum ist eine Möglichkeit, mit tieferen Seinsschichten zu kommunizieren, aber nicht mehr mit der äußeren Welt.
Es versteht sich von selbst, dass nur Assoziationen des Träumenden selbst zu den Traumsituationen Grundlage des Verstehens sein können und nicht bereits vorab festgelegte "objektive" Bedeutungen. Da der Mensch allerdings dazu neigt, manches nicht wahrhaben zu wollen, was der Traum anzeigt, ist Traumverstehen in einer Gruppe empfehlenswert.
3. Eingegrenzter Wunsch als Plan B. Die schwierige Frage ist: Soll er tatsächlich verfolgt werden? Es droht ja Enttäuschung. Und ob sich ein traumhaft guter neuer Plan C finden lässt?

Trotz: Meist wird darunter der Eigensinn eines Menschen verstanden. Der Begriff wird unnötigerweise abqualifizierend gebraucht, vermutlich weil der Eigensinn des anderen mit meinem kollidiert und der andere aber nicht weiß, dass sich meiner, im Gegensatz zu seinem, aus Klugheit speist. Trotz wird so mit Unreife gleichgesetzt. Der Wortursprung verweist auf eine Kraft, die eine völlig zu Recht bestehende Gegenwehr gegen äußere Gewalten ermöglicht, z.B. einem Sturm oder Angriff trotzen. Da im modernen Nationalstaat das Recht zur Ausübung von Gewalt jedoch nicht mehr bei den Menschen, sondern beim Staat liegt, verschwindet diese Bedeutung. Wie soll die menschliche Seele nun mit äußerer Gewalt umgehen? Sie soll resilient sein. Was aber versteckt sich hinter diesem Fachbegriff anderes als ein Trotzvermögen?  Viktor Frankl sprach von der Trotzmacht des Geistes und bezog das Trotzen sowohl auf die Umweltbedingungen als auch die eigene Person. In letzterem Fall kann der Mensch mittels der Selbstdistanzierung (der Mensch steht aufgrund seines Selbst-Bewusstseins in einer Distanz zum eigenen Ich) sagen: Ich muss nicht alles glauben, was ich denke. Oder auch: Ich muss mir nicht alles gefallen lassen, vor allem nicht von mir selbst.
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