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Lange Zeit dachte ich, ich bin immun gegen diese lästige Handy-Sucht. Aber leider bin ich seit etwa zwei, oder sind es schon drei?, Jahren ebenfalls davon befallen. Nachdem ich eine Weile aktiv war und mich anschließend ausgeruht habe, aber noch nicht genug, um schon wieder aufstehen und etwas tun zu können, da passiert es: Ich greife zum Handy. Ganz automatisch schon. Ohne etwas bestimmtes zu wollen. Nein, das stimmt nicht ganz, natürlich auch, um etwas Bestimmtes zu wollen, aber viel zu oft einfach so. Mal gucken. Und schwupps, ist eine Viertel- oder halbe Stunde dafür draufgegangen und das bedeutet auch oft: Jetzt erst mal wieder ausruhen, bevor ich aufstehen kann. Um diese lästige Angewohnheit zu verändern, habe ich schon ein paar Sachen ausprobiert. Das Handy ausschalten. Funktioniert ... Das Handy ausschalten. Funktioniert nicht. Dann bräuchte ich feste Zeiten zum Ein- und Ausschalten, aber das bekomme ich nicht hin. Mir vorzunehmen "einfach mal öfter ganz ausschalten", hat jedenfalls nicht funktioniert.
Das Handy woanders, etwas weiter weg, hinlegen. Reduziert die Nutzung für eine kleine Weile, weil ich automatisch erstmal ins Leere greife, dann gewöhne ich mich schnell um. Die Apps "verstecken". Funktioniert ebenfalls nur für eine kurze Weile. Dann wische ich halt erst und öffne sie anschließend. Eine offizielle Handy-Fasten-Zeit in der Familie ausrufen (Leider will niemand mitmachen). Ich halte mehr oder weniger durch. Danach wieder das alte Spiel. Eine Kontroll-App installieren, die ein Fenster aufploppen lässt: "Möchtest du jetzt wirklich diese App nutzen?". Funktioniert nicht, weil ich einfach darüber hinweggehe. Nervt aber trotzdem. Eine andere Kontroll-App, die mir jeden Tag sagt, wie viel Zeit ich mit welcher App verbracht habe und bei der ich auch eine feste Medienzeitbegrenzung einstellen kann. Funktioniert ebenfalls nicht, denn ich kann die Medienzeit ja auch einfach verlängern... Handy unter ein Buch legen. Funktioniert durchaus! Ich lese gerne. Ich greife gerne zum Buch statt zum Handy. Aber leider kann ich das Buch kaum nach 15 oder 30 Minuten wieder weglegen, wie das Handy. Ich lese einfach weiter und verstoße so gegen mein Pacing. Geht also auch nicht. Was könnte ich noch machen? Falls jemand eine Idee hat, die bei ihr oder ihm funktioniert, inspiriert mich gerne. Wer hat denn bitteschön bei der Entwicklung von Smartphones geglaubt, dass es für Menschen von Vorteil sei, dass ein Gerät viele Geräte ersetzt und man nun praktischerweise mit nur einem Gerät so viel kann??? Wieso können Menschen nicht vorhersehen, dass sich dies auf die Lebensqualität negativ auswirkt? Noch nie wurde das Versprechen, durch neue Technik hätte der Mensch mehr freie Zeit, eingelöst. Immer gibt es "Rebound"-Effekte. (Dazu hier die Empfehlung für ein Radio-Feature von DLF Kultur "Das gebrochene Versprechen der Maschinen", das geht in eine ähnliche Richtung.) Mein Smartphone ersetzt mir also Telefon, Tageszeitungen, Fotoapparat, CD-Player, Radio, manchmal meinen Laptop, manchmal sogar den Fernseher. Dazu das Kochbuch, die Straßenkarten und Lexika. Gewonnen habe ich mit dieser scheinbar großartigen Bequemlichkeit, nicht mehr diese stationären Extrageräte oder -dinger holen oder aufsuchen zu müssen, vor allem Möglichkeiten. Unendliche Möglichkeiten. Und immer wieder meint unsere westliche Gesellschaft, dass Möglichkeiten, die einem bequem und mit wenig Anstrengung vor die Nase gesetzt werden, ein großartiger Zuwachs an Lebensqualität und Freiheit seien. Dabei entfällt die Freude, die durch Seltenheit eines Angebots oder als Vorfreude beim Warten oder nach selbst vollbrachte Anstrengung ganz von alleine entsteht. Und die keineswegs gestiegene Lebensqualität erklärt sich daraus, dass ich nun die Aufgabe habe, mich zu entscheiden, viel abzuwählen und zu lassen. Dabei werde ich bei der Nutzung einer dieser Möglichkeiten immer daran erinnert, dass es da noch andere interessante Möglichkeiten gibt. Ständig muss ich mich aktiv gegen diese anderen Möglichkeiten entscheiden und diese lassen. Vor allem auch die Möglichkeit, auf dem Laufenden zu sein und mit jemandem in Kontakt zu sein. Das sind doch zwei schöne Sachen! Aber nein, ich muss mich entscheiden, jetzt nicht auf dem Laufenden zu sein und nicht in Kontakt zu sein. Das erfordert viel Willenskraft, diese kostet Energie und insgesamt macht es nicht glücklich. Ich erzähle hier sicher niemandem etwas Neues. Ich habe jetzt lange über weitere Lösungen für mein Problem nachgedacht und bin noch auf diese gekommen: Ich werde mich in den Einstellungen meines Handys deutlich jünger machen - sagen wir, so 12 Jahre alt. Dann werde ich einer "Erziehungsperson meines Vertrauens" die Kontrolle über mein Handy überlassen. Also über die Kontroll-App, die eine FESTE Medienzeitbegrenzung einstellt. Und dann wird es ein Gejammer, Geheul, Gezeter und Geschrei geben, aber es wird nicht mein Problem sein, darauf angemessen zu reagieren und hart zu bleiben. Ich werde meinen Schimpfwörterwortschatz vergrößern und endlich weniger am Handy hängen.
7 Kommentare
Puh, da sprichst du was an... ich habe mich leider auch schon desöfteren dabei ertappt, dass ich viel zu oft wie automatisch zum Handy greife und dann sinnlos Zeit mit Doomscrolling verplempere. Wenn ich Handy und Buch neben mir liegen habe, fällt es mir auch echt schwer, mein müdes Hirn zum Lesen zu bewegen, anstatt einfach den nächsten billigen Dopaminkick auf Insta & Co. zu suchten. Da klappt es ganz gut, das Handy gar nicht erst mit zum Sofa zu schleppen.
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Atze
1/10/2026 19:09:20
Alles deinstallieren, was sinnlos Lebenszeit verschwendet!
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Ralph
1/10/2026 20:22:51
Tja, liebe Karo, es ist schon einigermaßen paradox, jetzt Zeit mit diesem Medium dafür zu verwenden, etwas gegen die Zeitverschwendung mit demselben zu tun.
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Ralph
1/10/2026 20:26:33
Die kurz und knappe Idee von Atze funzt auf jeden Fall nicht, weil ich ja mit jeder App der Lebensqualität förderlich wie zerstörerisch umgehen kann, mal so und mal so. Das ist ähnlich wie mit dem Messer- und das werfe ich ja auch nicht in den Fluss...
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Atze
2/10/2026 07:00:39
Was an den "sozialen" Medien ist für die Lebensqualität förderlich?. Diese Apps sind dazu gemacht, wie ferngesteuert rumzuscrollen und Werbung zu konsumieren. Sie haben keinen anderen Zweck mehr.
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Ich habe noch immer ein Dumbphone, rüste das jetzt nur auf ein 4G-Dumbphone auf. Ja, ohne Smartphone ist vieles komplizierter, doofer, anstrengender, manches nicht machbar und ja, hin und wieder schaue ich beim Smartphone des Mannes rein, weil ja manche Leute nur noch über whatsApp kommunizieren (grh).
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Liebe Karo,
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