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Heute möchte ich etwas über einander bedingende Gegensätze schreiben – das passt halbwegs zum Monat Januar. Dieser ist benannt nach dem römischen Gott Janus, dem Hüter der Übergänge, der Schwellen und Türen, des Anfangs und des Endes. Anfang und Ende sind ein Beispiel für einander bedingende Gegensätze, auch bekannt unter dem Begriff Polarität.
Aufmerksam wurde ich auf dieses Thema durch den YouTube-Kanal von Emmy van Deurzen. Sie ist Philosophin und existenzielle Psychotherapeutin aus England. Sie spricht davon, „mit den dynamischen Kräften des Lebens zu arbeiten“. Ihren etwa 15-minütigen Input fand ich interessant, aber auch verwirrend. Als ich versuchte, mich im Internet darüber schlau zu machen, was Philosophen zum Thema Polarität geschrieben haben, musste ich feststellen, dass sehr viele Philosophen sehr Unterschiedliches dazu gesagt haben. Es scheint sich um ein wichtiges Thema zu handeln, mit dem sich bekannte Denker wie Heraklit, Aristoteles oder Hegel beschäftigt haben. Aber allein schon die irgendwie ähnlichen oder doch ganz verschieden gemeinten Begriffe wie Polarität, Dualität, Dichotomie, Gegensatz, Dialektik zu verstehen ist wohl eine Lebensaufgabe. Die folgende Begriffsbestimmung des Philosophen Romano Guardini fand ich immerhin einleuchtend. Nah genug an meiner bisherigen Auffassung und schön kurz: „Gegensatz bedeutet, dass zwei Momente, deren jedes unableitbar, unüberführbar und unvermischbar in sich steht, doch unablöslich miteinander verbunden sind; ja nur gedacht werden können an und durcheinander.“ Polaritäten sind demnach komplementär, nicht vollständig widersprüchlich, sondern besitzen ein eigentümliches „Verhältnis von relativer Ausschließung und zugleich relativer Einschließung“. Was mich jedoch immer wieder verwirrt: Warum existieren manche Polaritäten als Spektrum mit vielen Zwischenstufen, andere hingegen nicht? Kann ein echtes komplementäres Verhältnis mit vielen Zwischenstufen existieren? Gibt es echte und Pseudo-Polaritäten? Hier einige typische Beispiele von Polaritäten in der Natur:
Van Deurzen spricht – was mich allerdings noch mehr verwirrt – von Paradoxien. Gemeint ist damit nicht nur, dass die Existenz des einen Pols von der Existenz des anderen abhängt, sondern auch, dass es oft hilfreich ist, den einen Pol anzustreben, um den anderen zu erreichen – sich also kontraintuitiv und scheinbar paradox zu verhalten. Möchte ich, dass man mir zuhört, muss ich selbst nicht nur sprechen, sondern auch zuhören. Möchte ich glücklich sein, darf ich nicht nur Glück anstreben, sondern muss auch loslassen können. Möchte ich von anderen Menschen etwas bekommen, muss ich auch bereit sein, etwas zu geben. Es gibt auch Beispiele, die zeigen, dass es gar nicht möglich ist, nur den einen Pol zu leben: Möchte ich mein Wissen erweitern, werde ich unweigerlich wahrnehmen, was ich alles noch nicht weiß. Mein Nicht-Wissen wächst also ebenfalls. Mitgefühl kann ich nur dadurch entwickeln, dass ich selbst etwas durchlitten habe. Die übergeordnete Lebensweisheit lautet daher: Lebe nicht einseitig nur einen Pol. Mit Sowohl-als-auch gelingt ein Leben besser als mit Entweder-oder. Diese Lebensweisheiten stimmen meiner Erfahrung nach. Aber haben sie wirklich etwas mit komplementären Gegensätzen, wie es sie in der Natur gibt, zu tun? Nur weil zwei Dinge miteinander zusammenhängen, muss es ja nicht eine zugrundeliegende Polarität geben. Zuhören und Sprechen erscheinen mir weniger als zwei Gegensätze, die sich gegenseitig bedingen, um zu existieren, sondern Menschen empfinden es als ein gutes Gespräch, wenn beides vorkommt - und die Existenz hängt doch davon ab, ob sich Menschen für das Zuhören entscheiden. Eine menschliche Entscheidung kann doch nicht mit einem Naturphänomen wie dem Magnetisms mit seinen zwei Polen gleichgesetzt werden, oder? Es ist doch vermutlich eher so, dass in so einem unübersichtlichen Leben, in dem einem alles mögliche zustoßen kann und in dem man weitaus weniger Macht und Kontrolle hat, als man gerne hätte, dieses Unübersichtliche und Ungerechte nach nachvollziehbaren geordneten Gesetzen klingen soll. Die Polaritäten in der Natur wechseln sich ja brav und vorhersehbar ab. Die im (zwischen)menschlichen Leben leider nicht. Außerdem gilt doch auch: Wer zu viel Leid erfährt, entwickelt kein Mitleid, sondern wird zu einem, der selbst Leid verursacht. Es gibt doch häufig ein Prinzip der Goldenen Mitte. Und wie passt das mit den paradoxen polaren Prinzipien zusammen? Nach vielem Nachdenken bleibe ich verwirrt. Gegen Lebensweisheiten an sich habe ich nichts einzuwenden. Meine eigene Erkenntnis aus den letzten Jahren lautet: Weniger ist mehr. Damit meine ich vor allem: Weniger tun bedeutet mehr erleben. Schade nur, dass ich mich selbst gar nicht daran halte und trotzdem munter immer mehr möchte. Diese Einsicht ist (oder klingt?) natürlich auch paradox – besonders in einer kapitalistischen Welt, die von ständiger Steigerungsideologie geprägt ist. Auch hier gibt es ein polares Phänomen: Ruhe und Erregung. Oder ist am Ende Mehr und Weniger selbst auch eine Polarität? Da fällt mir ein: Gibt es Polaritäten bei Substantiven (Strukturen), Verben (Prozesse) und Adjektiven / Adverben (Eigenschaften)? Eines ist jedenfalls klar: die Polarität bei Fragen und Antworten ist nicht vollständig oder ausgeglichen - es gibt mehr Fragen als Antworten.
3 Kommentare
Für den Dezember greife ich ein aufmunterndes Thema auf, so dass es schön zur christlichen guten Nachricht des Monats passt. Mir ist dafür das Buch Factfulness eingefallen, das ich zwar gar nicht gelesen habe, das aber einen Test enthält, den ich online gemacht habe.
Die gute Nachricht besteht nun darin, dass man bei diesem Wissensquiz feststellen kann, dass der Zustand der Welt viel besser ist als man so gemeinhin annimmt. Die 13 Fragen drehen sich um Themen wie Armut, Naturschutz oder Bildung, sie stammen alle aus dem Bereich globale Entwicklung. Auf deutsch gibt es den Test auf verschiedenen Webseiten, z.B. hier oder hier (leider immer mit Werbung oder Cookies etc.). Es ist ein Multiple Choice Test mit immer drei möglichen Antworten. Antwortet man also total zufällig, hat man mindestens 30% der Antworten richtig. Interessant nun, dass Menschen auf der ganzen Welt ganz überwiegend nur 20% Prozent richtig beantworten konnten. Sie wissen weniger, als wenn sie raten würden! Hier scheint es sich also nicht um Nicht-Wissen, sondern um verzerrte Wahrmehmungen und Einschätzungen zu handeln. Und dazu kann ich auch sagen, dass rückblickend gesehen, das Thema Wahrnehmungsverzerrung (und andere kognitive Verzerrungen) eine der wenigen wirklich nützlichen Dinge war, die ich im Psychologie-Studium gelernt habe. Weil das Buch von 2018 ist, und das schon eine Weile her ist, habe ich mal geschaut, was sich seitdem getan hat. Tatsächlich ist es so, dass die schwedische Familie Roslund nicht nur dieses Buch geschrieben, sondern schon seit 2005 die Stiftung Gapminder (Seite leider nur auf Englisch oder Schwedisch) betreibt, bei der es darum geht auf Wissenslücken aufmerksam zu machen, vor allem auf diese systematischen Fehleinschätzungen, die zu pessimistisch sind. Die Stiftung führt weiterhin Studien durch, so wurden z.B. 2023 zum Thema Weltweite Migration neun Fragen zusammengestellt, bei denen eine deutliche Mehrheit sehr falsch antwortet. Also schlechter als der Zufall. Und auch deutlich schlechter als ChatGTP, der immerhin 5 von 9 Fragen richtig beantwortet. Das konnten nur 6% der Befragten. Eine typische Frage lautet: Wieviel Prozent der Kinder von Geflüchteten im Alter von 7-12 besuchten 2022 eine Schule? (<20%; ca. 40%; >60%). Und ja, wenn man jetzt schon weiß, dass man das vermutlich ungünstiger einschätzt als es nach Datenlage ist, kann man auf das richtige Ergebnis tippen. Allerdings ist es bei diesem neuerem Fragenset nicht mehr so, dass alle falschen Einschätzungen die pessimistischeren waren, aber doch die meisten. Die Kernidee der Stiftung ist, "etwas gegen die Ignoranz gegenüber der Ignoranz" unternehmen. Nachdem man festgestellt hat, dass viele Menschen – einschließlich Fachleute und politischer Entscheidungsträger:innen – ein verzerrtes, überwiegend pessimistisches Bild der Welt haben, wollte man etwas dagegen unternehmen. Menschen sollen über die Webseite der Stiftung (kostenlose) Werkzeuge erhalten, um Annahmen kritisch zu hinterfragen und sich ein faktenbasiertes Weltbild zu erarbeiten. Auf der Seite Gapminder.org kann man sich tatsächlich umfassend weiterbilden. Die Quizze zum "Upgrade of your worldview" stehen im Mittelpunkt, aber es gibt noch jede Menge mehr an Lehr- und Lernmaterial. Und alles faktenbasiert. Da ist im Zeitalter von fake news und Verschwörungsverschwurbeleien natürlich eine schöne Sache. Und Quizfragen anzubieten, bei denen gleich von vorneherein gesagt wird, übrigens 85% der bislang Befragten liegen hier falsch, finde ich eine witzige Idee. Mein innerer Besserwisser fühlt sich da immer gleich herausgefordert. Soweit also die aufmunternden Hinweise - wer den Test von 2018 oder die zig neuen Fragen auf der Webseite macht, ist am Ende hoffentlich gehobener Stimmung. Nicht nur hat man sich gerade fortgebildet, nein, man kommt zu dem erfreulichen Schluss, dass vieles gar nicht schlimm ist, wie man es eingeschätzt hat. Ich bin jedenfalls immer wieder von einigen meiner Fehleinschätzungen sehr beeindruckt. Und wer gerade ein wenig Optimismus gebrauchen kann, der liest am besten gar nicht weiter, sondern klickt oben auf die Links zu dem deutschen Quiz oder zur Gapminder-Seite mit den englischen Quizzes. Nun möchte mein innerer Skeptiker auch noch etwas ergänzen. Ich habe mich nämlich gefragt, ob es nicht genausogut möglich wäre, 13 oder 9 Fragen zum Zustand der Welt zusammenzustellen, bei denen sehr viele falsch lägen - weil sie die Übel gar nicht so schlimm einschätzen. Das könnte ich mir gut vorstellen, zum Beispiel bei Fragen zur Häufigkeit von Suizid oder auch was die Häufigkeit von Steuerhinterziehungen betrifft, das Ausmaß an Privilegien von Reichen und Mächtigen. Ach, ich beende die Liste von Scheußlichkeiten lieber mal hier. Vielleicht sind die durchgeführten Studien der Stiftung Gapminder tatsächlich umfassend genug, um damit aussagen zu können, dass beim Thema "Globale Entwicklungen" vieles zu pessimistisch gesehen wird. Ich fände es aber schon gut, wenn die Stiftung darauf hinwiese, dass dies bei anderen Themen eventuell nicht so zutrifft. Zudem gerade bei den Themen, die Menschen auf nationaler Ebene bewegen (Kriminalität, Gewalt, Zusammenhalt etc.) die Erhebung zuverlässiger Daten (und damit die angepriesene Factfulness) selbst ganz schön problematisch ist - Stichwort Dunkelziffer oder Messen von Stimmungslagen oder die Schwierigkeit Entwicklungen zu messen, wenn ein Thema im Lauf der Zeit anders wahrgenommen wird - zum Beispiel Gewalt gegen Kinder oder Partnerinnen. In meinem Studium habe ich auch gelernt, dass Studien zuverlässig beschreiben können, dass Menschen mit einem optimistischen Weltbild glücklicher und auch erfolgreicher durchs Leben gehen. Soweit vielleicht auch nicht verwunderlich. Es ist aber auch so, dass sie weiter von der Wahrheit entfernt sind als Menschen mit einem pessimistischeren Weltbild...Und so kann man ja die besinnlichen Momente im Dezember dazu nutzen, herauszufinden zu welcher Gruppe man eher gehört oder gehören möchte - lieber sich etwas vormachen und zufriedener sein? Oder lieber sich an Wahrheiten orientieren und eine schlechtere Stimmung in Kauf nehmen? Also ich bin da noch nicht entschieden. Zum 120. Geburtstag eine kleine Würdigung. Alt aber nicht veraltet - eine kleine Auswahl an zeitlosen Lebensweisheiten, frei nach Viktor Frankl und der Logotherapie, die ich gerne weiterempfehle, weil sie mich inspirieren und mir helfen.
Es ist November. Für manche ein Grund, eine Kerze anzuzünden und sich an der Gemütlichkeit zu freuen. Für andere ein Grund, die Tageslichtlampe anzuknipsen und eine Wirkung herbeizusehnen.
Meine November-Einstellung hat sich gewandelt, ich kann ihm inzwischen etwas abgewinnen: Ohne Laub am Baum vor meinem Fenster habe ich einen weiteren Blick und eine schöne Aussicht auf die Kirche gegenüber. Und zudem gibt es viel weniger Anlässe, jemanden zu beneiden, der die Wohnung verlassen kann. Ich wünsche allen Lesenden schöne November-Lichtblicke und empfehle einen Podcast, aufgenommen von der Psychologin Franca Cerutti. Sie erzählt ihrem Ehemann (Psychiater) eine Fallgeschichte über eine Borderline-Patientin. Diese Geschichte ist heftig, aber es gibt ein Happy End. Falls ihr euch das also antun wollt, unbedingt bis zum Ende durchhalten. Los geht es ab Minute 13:30 bis ca. 50. Davor und danach gibt es Erläuterungen zum Krankheitsbild und zur Behandlung. Ich persönlich finde diese Teile weniger gelungen, aber das ist sicherlich Geschmackssache. Meine Sympathie gilt mehr der Patientin und weniger den Vortragenden. Das ganze stammt aus dem Podcast Psychologie to go. Eine Fallgeschichte zu einer Patientin mit Borderline-Erkrankung von der Psychologin Franca Cerutti. Skalpell und Wahn - von der NZZ. Sehr hörenswert, allerdings auf schwyzerdütsch.
Einblicke in das Horrorkabinett der Psychiatriegeschichte. Nichts für zart Besaitete. Mit vielen O-Tönen gibt der sechsteilige Podcast einen lebendigen Eindruck. Sowohl Behandelnde als auch Betroffene kommen zu Wort. Die drei Macher*innen haben ausführlich recherchiert und spannen den Bogen bis in die heutige Zeit der Gehirnchirurgie. Absolut hörenswert - allerdings auf schwyzerdütsch. |
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Dezember 2025
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